Bone Tomahawk

Ein Film wie aus der Zeit gefallen. Ein Wunder, dass Craig Zahler ihn überhaupt finanziert bekam. Zum Glück.
Die Suche von vier Männern nach einer entführten Frau gerät nicht zum actionreichen und blutrünstigen Rachefeldzug. Zahler lässt sich Zeit, negiert aktuelle Sehgewohnheiten durch den fast völligen Verzicht auf Musik, Action oder schnelle Schnitte. Doch der Sog den er dadurch auslöst ist um so beeindruckender. Eine gute Stunde lang begleitet er den Suchtrupp, wie sie ihre Reise antreten, fast dokumentarisch bleibt die Kamera beobachtend, starr.
Die subversive Bedrohung bleibt immer präsent, ein Unheil das die Männer begleitet hängt permanent in der Luft. Da sind keine vier Revolverhelden unterwegs die sich den Weg freiballern, verletzt, alt, arrogant treten sie auf, sorgen so für die nötigen Reibungspunkte. Zahler interessiert sich was die Menschen antreibt, wie sie ihr Ziel erreichen, trotz aller Hindernisse, welche Opfer sie bereit zu geben sind.

Formal bleibt Zahler seinem beobachtenden Stil treu, bis zum Schluss. So abrupt der Film beginnt, so endet er.
Und selten sind zwei Stunden so schnell vergangen. Gerade der Verzicht ist der große Trumpf des Films, der dadurch neu und frisch wirkt.

Bitte mehr davon.

In the Heart of the Sea

Ich mag Ron Howard nicht besonders, seine Filme sind meist oberflächlich, bieten außer der Hauptfigur wenig interessantere Charaktere, bleiben vorhersehbar und kalkuliert.
Teils trifft dies auch auf „In the Heart of the Sea“ zu, die Geschichte des Walfängers Essex, die Herman Melville zu Moby Dick inspirierte. Walfang war zu Beginn des 19ten Jahrhunderts notwendiges Übel um Öl zu gewinnen, weit entfernt von abenteuerlicher Verklärung, bedeutete es monate-, wenn nicht jahrelang auf See zuzubringen um genug Walöl zu gewinnen.
Erneut konzentriert sich Howard auf einen Charakter: den ersten Maat Owen Chase, erfahrener Seemann, der Bären oder Wale vermeintlich mit einem Griff tötet, doch die Befürchtung einen gewöhnlichen Abenteuerfilm zu sehen, zerschlägt sich recht schnell, interne Standeskonflikte, die ersten Toten, Drecksarbeiten an Deck erinnern weniger an den „Roten Korsaren“ als an „Master and Commander“.
Immer wieder wechselt die Perspektive, bewegt sich weg vom Schiffgeschehen und zeigt den Blick von unter Wasser: fremdartig, verschwommen. Die ersten Andeutungen einer Kreatur, der Verdeutlichung wie verloren der Mensch auf See doch ist.
Der weiße Wal, der natürlich noch namenlos ist, agiert nicht als bösartiges Monster, eher als Beschützer seiner Art, im Gegensatz zum Roman Melvilles verspürt der Wal eher Rachegelüste, als wäre es eine Obsession den Menschen nachzustellen. Eine Naturgewalt die Ausbeutung und das Abschlachten nicht ungesühnt lassen will.
Zunächst zerstört der Wal das Schiff, nach Wochen der Entbehrung, ohne Wasser und Essen, als die Mannschaft beginnt ihre toten Kameraden zu essen, wenn in ihnen fast nichts mehr menschliches ist, nur noch der Überlebenswille zählt, holt er sich die Rettungsboote. Schliesslich gestrandet auf einer einsamen Insel, ist nicht mehr viel übrig von den „Königen auf Erden“, wie der Kapitän die Menschen postuliert. Die letzte Reise mit notdürftig gezimmerten Booten erscheint der Wal erneut, als wollte er eine letzte Warnung von sich geben. Als sich Chase und der Wal Auge ins Auge blicken hat der Maat hat seine Lektionen in Demut gelernt. Ein erneuter Kampf kann nur verloren werden, zu klein und zu unbedeutend ist der Mensch. Und vielleicht schwingt auch so etwas wie Mitleid mit.
Howard gelingt der Spagat zwischen klassischem Abenteuerfilm und ökologischer Aussage, die ausnahmsweise mal nicht als Mittel zum Zweck dient. Wem seine Zuneigung gilt, steht nie in Frage, es sind nicht die standesdünkenden Menschen, die mit riesigen Schiffen auf Jagd gehen um ihre Energievorräte aufzufüllen.
Diesmal gibt es wenig zu beanstanden, sowohl visuell (sogar das 3D stört nicht)m als auch inhaltlich überrascht Ron Howard mit einem lange vermissten Abenteuer, das wahrlich keine Helden kennt, umso intensiver nachwirkt.

The Man in the High Castle

Was wäre wenn die Achsenmächte den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? In einer möglichen Realität wäre die Welt größtenteils zwischen Japan und Deutschland aufgeteilt. Das Deutsche Reich ein Hochtechnologieland, mit Raketenflugzeugen, modernsten Waffen, Berlin hätte sogar eine Magnetschwebebahn.
In diesem Konstrukt sind die ehemaligen Partner nur noch vordergründig Verbündete, die Gräben zwischen den Weltanschauungen tief, das Misstrauen groß.

Zentrales Element der Serie bilden Filmrollen, betitelt die alternative Realitäten zeigen: Stalins Weltherrschaft, den Untergang Nazideutschlands und den Aufstieg der USA. Um diese streiten sich alle Fraktionen: der Widerstand, die Nazis, die Japaner. Darüber hinaus entspinnen sich weitere  Handlungsstränge: der Putsch gegen Hitler, ein Attentat auf den japanischen Kronprinz, die natürlich alle zusammenhängen.

Man merkt der Serie die Handschrift von Showrunner Frank Spotnitz, der schon für die X-Files schrieb, an. Visuell konservativ, inhaltlich clever umgesetz und vor allem ab der zweiten Hälfte, wenn sich die Wege der Protagonisten immer öfter kreuzen, hervorragend geschrieben. Die entworfene Welt ist schlicht fantastisch, sowohl glaubwürdig, als auch beängstigend. Euthanasie, der Holocaust, die Ausrottung des afrikanischen Kontinents, oft kurz angerissen, beiläufig erwähnt, umso verstörender wirken die Sachverhalte.

Bis zur fünften Episode ist The Man in the High Castle eine gute, wenn auch nicht überragende Kriminalgeschichte, die ebenso in unserer Realität spielen könnte. Erst danach, wenn die Grenzen scheinbar ausgelotet sind und sich dann doch noch einmal verschieben, die Figuren eine neue Tiefe erreichen und endlich die Frage wie und was Realität denn überhaupt darstellt aufgeworfen wird, erreicht die Serie ihre Höhepunkte.
Schon zu Beginn werden immer wieder kleine Andeutungen eingespielt, die die kulturellen Unterscheide zwischen Japanern und Amerikanern verdeutlichen, doch erst in einer kleinen Nebenhandlung als ein Antiquitätenverkäufer zu Gast bei einem japanischen Kunden ist, wird diese eindeutig thematisiert. Auf dieser offensichtlichen Ebene wird die Frage gestellt wie sich Realitäten unterscheiden, einfache zwischenmenschliche Unterschiede münden in völlig gegensätzliche Weltanschauungen. Für die einen common sense, für das Gegenüber ein Affront.
Ein weiteres Spiel mit Wahrnehmungen bilden die Verschwörungen gerade im Nazihauptquartier, hier scheint keiner das zu sein, was er vorgibt, fast alle eint eine geheime Agenda, so wird munter drauf los intrigiert, bis sich das Hakenkreuz biegt. Und immer wieder die Filmausschnitte die das eigene Leben und Tun hinterfragen. Wie ist es möglich, dass solche Filme existieren? Wie real sind diese, welche Auswirkungen haben sie?
Also nichts zu beanstanden? Doch: Alexa Davalos erhält den Keanu Reeves Neo-Award für ausdrucksloses Schauspiel. Sehr schlimm.
Wird aber durch die hervorragende Performance Rufus Sewells als  Obergruppenführer Smith mehr als ausgeglichen.
The Man in the High Castle ist nicht nur eine der besten Serie die derzeit läuft, sie ist ein der wenigen die das Spiel mit den Ebenen beherrscht, die endlich mal wieder mit Subtext arbeite und dem Zuschauer Aufmerksamkeit abverlangt.

Weinberg

Außerhalb des Dreiklangs aus Comedy, Krimi und Romanzen hat es die deutsche Serie schon schwer, gerade im Genreumfeld. Dass sich ausgerechnet ein kleiner Sender wie TNT da ran traut lässt sich kaum hoch genug bewerten. Mit „Weinberg“ vermengen die Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf (Alarm für Cobra 11, Friesland, Der letzte Bulle) zusammen mit Produzent Philipp G. Steffens Krimi, Mystery, Drama und einer guten Portion Soap. Twin Peaks meets Lindenstrasse.

Bereits optisch, mit den entsättigten Farben, den close ups, dem immer präsenten Nebel hebt sich Weinberg vom bunten deutschen Einheitsbrei ab, konterkariert wird die schöne Optik durch teils Dialoge die selbst bei GZSZ nicht durchkämen, als Sahnehäubchen gibt’s dann skurrile Figuren: ein vietnamesischer Pfarrer, der kaum Deutsch spricht, ein Junge der überhaupt nie spricht, außer mit dem „Helden“, hintergangene Männer und frustrierte Ehefrauen, als Krönung der Mann ohne Gedächtnis, der den Mord an einer jungen Frau voraussagt und diesen nun aufklären möchte.
Friedrich Mücke spielt den Mann ohne Eigenschaften, aber mit kriminalistischem Gespür so angestrengt als müsste er dauernd aufs Klo,ist zudem immer gerade dort wo irgendwas passiert, als wäre das Örtchen in der Pfalz nur 200 qm groß. Der Rest des Ensembles steht dem kaum nach, alles ein wenig over the top und kaum ernst zu nehmen. Doch gerade deshalb macht die Serie so einen Spaß, das Bühnenhafte, das
Artifiziell, das jede Sekunde zum Vorschein tritt, die Überdrehtheit ist schlicht große Unterhaltung. Im Mittelteil der Serie ist ein wenig die Luft raus, das Tempo wird reduziert, vieles wiederholt sich, die Auflösung oft nicht voran getrieben.
„Weinberg“ ist wahrlich nicht perfekt, doch ist der Mut der Macher und des Senders, neues auszuprobieren eine Empfehlung wert.
Vielleicht lassen sich andere Sender dadurch inspirieren sich mal wieder auf neue Formate einzulassen und nicht immer dieselben Geschichte in unzähligen Varianten durch den Filmwolf zu drehen.

 

Spring

Nach Resolution war abzusehen, Spring wird nicht die gewöhnliche (Horror)Liebesgeschichte.
Louis und Evan lernen sich in Italien kennen und lieben, kleines Problem: Louis ist nicht das nette Mädchen von nebenan, 2000 Jahre alt, verwandelt sie sich in ein zeitweise sprichwörtlich fleischfressendes Monster.

Behandelte Resolution noch das Thema Wahrnehmung, Realitäten und wie diese verschoben werden können, stellt Spring Identitäten und das Konzept von „Liebe“ in Frage.
Durchzogen wird der Film von Zweideutigkeiten, eingefangen in kleinen feinen Zwischenbildern. Eine Spinne die ihre Beute frisst, Raupen die versuchen einen Stein zu erklimmen, Bäume die zwei Früchte tragen. Die Zuneigung einerseits zur Natur und deren Universalität, das Mitgefühl mit Louis‘ „Problematik“ sich überwinden zu müssen um der Verwandlung stand zu halten.
Moorhead und Jenson haben ihren Barker und Bradbury gelesen und verstanden. Das Außergewöhnliche wird nicht verteufelt, so abstoßend dessen Handlungen auch sein mögen. Im Gegenteil verstehen sie den Kampf ihrer Protagonistin, bringen ihr Verständnis und Mitgefühl entgegen.
Nadia Hilker setzt die Vorgaben der beiden auf den Punkt um, wandelt zwischen lebensfroher Frau, die die seltenen Momente der Zweisamkeit genießt und unontrollierbarer Kreatur, die nur ihren Instinkten gehorcht. Zusammen mit Lou Taylor Pucci entfalten sie eine Chemie die gerade im Horrorgenre lang vermisst wurde.
Die universelle Frage wie wir mit Liebe umgehen, wem wir sie zuteil werden lassen, wie wir dies beeinflußen können, oder eben nicht, kann Spring nicht beantworten, will es auch nicht, zeigt aber eine von vielen Möglichkeiten. Ein Bekenntnis zu Liebe die keiner Körperlichkeit entspringt, die auf Formen keine Rücksicht nimmt, dazu hat Spring eine Meinung.

In Zeiten in den man glaubt wirklich alles gesehen zu haben, fühlt sich Spring einzigartig an, beweist dass es immer noch möglich ist, abseits des Mainstreams, Filme zu gestalten die wirklich neues bieten, die genreübergreifend funktionieren.

Ein kleiner, großer Film.

Near Dark

Wieder gesehen nach ca. 15 Jahren, geht wohl als Erstsichtung durch. Bigelows Quasi-Erstling erscheint wie ein großer schwarzer Rohdiamant.

Noch nicht ganz die Wucht der nächsten Filme, die Figuren auch nicht komplett ausgearbeitet, aber: einer DER Filme der 80er und wie alle guten Vampirfilme, losgelöst vom Mythos des bluttrinkenden Ungeheuers.
Als Neon-Western konzipiert, der die Frage aufwirft wieviel Menschlichkeit noch in uns steckt und wie weit wir gehen wollen um sie nicht zu verlieren.
Schon die ersten Minuten sind magisch: Wenn Adrian Pasdar und Jenny Wright (denen beide leider, leider die Karriere verwehrt blieb) sich zum ersten Mal treffen, in die Nacht hinausfahren, untermalt von Tangerine Dreams sphärischem Musikteppich, wird man sofort hineingezogen in deren Welt. Eine Welt die wenig glamourös erscheint und nichts mit der eines Christopher Lees zu tun hat, ein Überlebenskampf einer kleinen ausgestossenen Gruppe, der immer wieder Opfer fordert, in der Moral so wenig zählt wie ein Menschenleben. Dennoch bringt man Verständnis auf, jegliche Verurteilung wäre eine Überhöhung der eigenen Position und wer ist man schon um Grenzen zu definieren?
Der Showdown der vordergründig zwischen Vampir und Mensch verläuft ist am Ende nur einer der zwei Lebensentwürfe gegenüberstellt, aus denen ein Ausbrechen fast unmöglich erscheint. Bigelow gibt eine Möglichkeit vor, die erstmal banal erscheint: Liebe. Im Subtext verdeutlicht: ein Ausweg ist immer nur eine Entscheidung, die wir oft nicht selbst fällen können, deren Umstände sich nicht zwangsläufig beeinflussen lassen.

Viele sehen in Near Dark ja Bigelows besten Film, dem ich widerspreche, da Point Break oder auch Hurt Locker eine höhere fast physische Kraft ausstrahlen, aber das nur am Rande.
Unbestritten ein wegweisender Film, ohne den „Låt den rätte komma in“ oder „A Girl walks home alone at night“ kaum denkbar sind.

Ich seh, ich seh

Ambivalent.
Einerseits birgt er eine schöne Ästhetik, die sachlich, nüchtern die Bilder transportiert.
Inhaltlich wirft er die Frage nach Identitäten auf und was uns als Subjekt ausmacht, wie weit ist das eigene Ich dehnbar, bis wohin die Selbstverleugnung und wie ist die Außenwahrnehmung.
Die Prämisse ist wie bei Seidl üblich (auch wenn er nur produzierte, aber eine Frau ja Teil-Regie führte) interssant, das Reißbrett detailliert. Das Haus, einsam gelegen am Waldrand, die Fenster verdunkelt, ein in sich abgeschlossener Kosmos, der nur zweimal durchbrochen wird.
Auch das Innendesign: kphl, sachlich, fast irreal, wie aus dem Katalog, erst zum Ende, wenn das Leben weicht, gelangt erst Leben hinein.

Das größte Problem ist der Bruch zur Hälfte des Films, bleibt er im ersten Teil Psychogramm zweier Kinder, wird er dann unerträglich, das völlig ohne Not. Die Brutalität muss man nicht so zeigen, gerade wenn die inhaltliche Ebene grobschlächtiger wird.
Dazu kommen zwei grobe Schnitzer im Buch, die das Ergebnis ein wenig konterkarieren, das ist angesichts der Detailversessenheit ärgerlich.

Dennoch: vor allem danke der beiden Darsteller sehenswert, wenn auch nicht ganz überzeugend.

Jurassic World

Leider ohne Meersaurier, somit natürlich eine vertane Chance: Jurassic World.

Einerseits kurzweilig, mit einige Referenzen an das Original, aber auch hölzerne Charaktere und Darsteller ohne Charisma. Anstatt Pratt hätte man auch einen Baumstamm nehmen können und Jessica Chastain war nie egaler.
Neben dem Indominus Rex verblasst D’Onoforio als schäbiger Bösewicht. Somit drehte sich alles um den Ausbruch des bösen Dinos, der aber auch irgendwie egal war. Ja böse und tötet zum Spaß. Doch im Gegensatz zum T-Rex aus dem Original wird ihm wenig Liebe zuteil.

Verwundert hat mich die teilsweise Schlampigkeit der Produktion. Der Cutter gehört von Raptoren zerfetzt, eine Continutiy ist schlicht nicht vorhanden, es sei denn die haben auch das Beamen erfunden, da wird fröhlich durch den Park gespungen als wäre dieser gerade mal 1000 qm groß, die Raptoren sind eigentlich überall, wie sie von A nach B kommen: who cares?!
Das sind zumindest die wahren Hauptdarsteller: die Raptoren, die vom Wesen eher als Hunde ausgelegt waren, mit einem Gedächtnis, einer Aversion gegen bestimmte Menschen und natürlich der Bindung zu ihrem Alpha-Männchen.
Nur war die Screentime leider viel zu kurz um den Film zu retten, um mehr zu sein als 120 Minuten Unterhaltung deren Halbwertzeit diese Dauer nicht übersteigt.

Es bringt halt nichts Regisseure nach einem Indiehit ein 150 Millionen Dollar Budget in die Hand zu drücken.
Matt Reeves anyone? Josh Trank anyone?
Gareth Edwards anyone?
Es kommt nur seelenlose Massenware raus, was verständlich ist, wer will schon für einen
Flop verantwortlich zeichnen?

Nightcrawler

Wenn sich die Dunkelheit Bann bricht, fängt Lou Blooms Arbeit an, zunächst als Kleinkrimineller, dann als Unfallreporter der ohne Skrupel seine Videokamera auf die Opfer draufhält und in einem unmoralischen und skrupellosen Sender seinen idealen Abnehmer findet.

Nightcrawler ist aus mehrere Gründen sehenswert. Zunächst Gyllenhalls Figur Lou Bloom der nie in den Verdacht gelangt auch nur annährend sympathisch zu sein. Von der ersten bis zur letzten Minuten bleibt er ein zynisches, machtgeiles Arschloch. Getrieben von schneller, höher, weiter, die Bilder können nie schockierend genug sein, er überschreitet keine Grenze, er setzt selbst neue, wird vom reinen Dokumentaristen bis hin zum eigenen Akteur, der sprichwörtlich über Leichen geht.
Gilroy erzählt von der Obsession eines Business, das längst jegliche moralische Bedenken abgelegt hat, im Grunde ein update von Sidney Lumets „Network“, angepasst an die heutige Zeit und noch perfider. Wer als erster am Unfallort ist, wer dort die blutigsten uznd schockierendsten Bilder liefert gewinnt am Ende den Platz in den Nachrichten, denen wenig an Information, aber viel an Quote und dem Aufbauschen gelegen ist.
Nightcrawler erzählt natürlich nichts neues, das Geschäft mit News war schon immer schmutzig,  er lässt den Zuschauer in seiner Geschichte zwar außen vor, entlässt ihn aber nicht aus der Verantwortung, ist dieser doch das letzte und erste Glied der Kette, als Konsument und Auftraggeber goutiert er zumindest diese Art News. Gilroy vermeidet jeglichen moralischen Zeigefinger, kostümiert seine Kritik als Thriller, ohne sein Thema aus den Augen zu verlieren. Ihm reicht die Figur des Bloom um alle Abscheulichkeiten stellvertretend auf ihn zu projizieren. Unterstützend wirkt Robert Eswitts Kameraarbeit: Nahaufnahmen, Steadycams, teils schnelle Schnitte, diese erzeugen einen Sog, der immer weiter in Blooms Arbeit hineinzieht, bietet sie doch spannende Abwechslung. Doch er bleibt bis zum Schluss die Ambivalenz des Zuschauers. Man möchte immer mehr sehen, trotz der bekannten moralischen Bedenken und die Abscheu die man gegen Bloom hegt.
Am Ende wird Gilroy keineswegs versöhnlich. Im Gegenteil. Bloom wird weder gestoppt, noch gibt er auf, stattdessen baut er sein Geschäft weiter aus. Das Rad dreht sich somit noch schneller. ein Überdrehen ist nicht auszumachen.

 

The Midnight After

Vor 10 Jahren ging Lost auf Sendung, eine Serie die Maßstäbe setzte: in Sachen schlampige Figuren und wirrem  Drehbuch, vor allem bezeichnend wenn Autoren sowohl überfordert sind und im Laufe der Zeit die Lust an ihrer Produktion verlieren.
Ein ähnliches Problem hat The Midnight After.
Bis auf eine kleine Gruppe, scheint Hing Kong komplett ausgestorben, neben sporadisch auftauchenden Männern in schwarzen Mänteln und Gasmasken. Dazu gesellt sich eine Epidemie, die Menschen recht unappetitlich dahinrafft.
Fruit Chans Problem ist wie oben angemerkt, er weiß selbst nicht so recht was er mit den Überlebenden anstellen soll, so schwankt er zwischen Horror, Mystery, Comedy und Drama. Wird aber keinem Genre wirklich gerecht.
Einige schöne und lustige Sequenzen, wechseln sich ab mit kruden Schnitten. Eben noch die Trauer über den Vergewaltigungstod einer jungen Frau, bringt die nächste Szene wieder krude Gags. Figuren werden aufgebaut, dann aber wie heiße Wan Tans fallen gelassen. Chan geizt nicht mit Hinweisen, seine Gschichte voranzutreiben, bis ihm nach 2/3 anscheinend die Ideen ausgehen, er irgendwelche Bilder auf die Leinwand zaubert, die fast nichts mit den 90 vorangegangen Minuten zu tun haben. Erst nimmt er seine Figuren ernst, gibt er diese später der Lächerlichkeit preis. Warum sich dann die Mühe überhaupt eine Geschichte erzählen zu wollen? Für ein krudes Genrestück ist The Midnight After zu konventionell, wenig konsequent dazu. Der Schluss ist eine Frechheit, wahrscheinlich hatte das Team keine Lust mehr oder sie mussten mal aufs Klo.
Im Grund ein großes Ärgernis.